Tamar
2014

… Glöckler erzählt auf psychologisch subtile Weise die Geschichte von Tamar und ihren Brüdern neu. Axel hat Schwierigkeiten mit Frauen, weil er zu früh von seiner Mutter verlassen wurde, die es mit dem von seiner Arbeit besessenen Ehemann nicht länger aushielt. Andreas, ein androgyner Typ, ist im Internat von seinen Mitschülern gedemütigt worden. Das hat ihn gebrochen und beziehungsunfähig gemacht. Sein biblisches Vorbild ist Absalom, dessen tragisches Ende Glöckler zu seinem Roman angeregt hat. Bereits das Motto verweist auf das 2. Buch Samuel (Kap.12-19) und lenkt so die Leser/innen unmissverständlich auf das Alte Testament. Dieser Prätext verleiht der desolaten Familiengeschichte ihre Nachdrücklichkeit, wobei die psychologische Motivation des Geschehens keineswegs als Rechtfertigung dient, sondern die Ausweglosigkeit nur noch unterstreicht. Ein dem Existenzialismus verwandtes Setting, das den strahlenden Himmel über der Bankenmetropole leer lässt. In dem Moment, als David Gott für Andreas‘ Rückkehr dankt – auch er ein verlorener Sohn -, ist dieser ihm ganz fern.

Die Geschichte wird aus der je unterschiedlichen Perspektive der Familienmitglieder erzählt. Vortrefflich beherrscht Ralph Roger Glöckler die Technik des Bewusstseinsstroms … Durch seine genaue, rhythmisierte Sprache und durch charakteristische Szenen gelingt es Glöckler, auf weniger als 200 Seiten das über einer erfolgreichen Familie liegende Verhängnis aufzuspannen. …

                                                   Kommbuch.com, 2015, Carola Hilmes

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Mr. Ives und die Vettern vierten Grades
2012

… Worum es Glöckler geht, ist die sprachliche Gestaltung von Musik und die musikalische Gestaltung von Sprache. Er richtet sich auch ausdrücklich an den Werken von Ives und Cowell aus. Es geht Glöckler darum, darzustellen, wie diese

Komponisten nicht anders können als beispielsweise in Umweltgeräuschen eine Kraft auszumachen, die die der Musik ist, eine Kraft, die sich ihren Weg erst bahnt, statt einen vorgezeichneten Lauf zu nehmen. …

                                 Kommbuch.com, 2012, Alexander Garcia Düttmann

Alles in allem ein Lesevergnügen, über das sich zwar der an reinen Fakten interessierte Spezialist sicherlich an manchen Stellen mokieren kann, an dem aber jeder, der spannende, ungewöhnliche Geschichten liebt, seine Freude haben wird. Der Titel des Buches bezieht sich übrigens auf einen Vers von Walt Whitman: “Anpassung ist für die Vettern vierten Grades.”

                       info-netz-musik.de (August 2012), Stefanie Steiner-Grage

Wer eine geradlinige Roman-Biographie erwartet, ist bei Glöckler an der falschen Adresse. Die vier Briefe sind eher die literarische Version einer Suite, und sie lassen viel Biographisches aus. Um Chronologie scheint es Glöckler auch nicht zu gehen – sondern um Inneres. Mr. Ives und die Vettern vierten Grades“ ist eine Reihe von Psychogrammen, je eins für jede Figur, und zwischen den Zeilen das von zwei Ehen und einer Freundschaft. Glöckler verlangt einiges von seinen Lesern, denn sein Text ist hochkomplex und arbeitet mit so vielen Bezügen, dass man sich keine Sekunde der Unachtsamkeit erlauben darf. Aber dem, der sich auf Mr. Ives einlässt, gibt er wesentlich mehr als die durchschnittliche Roman-Biographie: Einen poetischen aber festen emotionalen Fausthieb direkt in den Magen.

                                                         WDR, Tonart, 2012, Desirée Löffler

… das Psychogramm einer ganzen Ära und erzählt in vier von vier verschiedenen Autor/Innen verfassten, nie abgesandten imaginären Briefen die auch ewige Condition humaine, nämlich aus den Perspektiven Henry Cowells, seiner Frau, der Frau von Charles Ives und dessen selbst. Schon diese Vornahme ist heikel, weil Glöckler in die Seelen ganz verschiedener Menschen hinein- und aus ihnen herausschreiben musste. Wem so etwas gelingt, der darf mit Recht ein Meister genannt sein. Doch nicht nur das erschreibt sich Ralph Roger Glöckler. Sondern in berührender, dabei stilistisch nicht nur eleganter, sondern auch formstrenger, bisweilen ruhig strömender, dann wieder schwebender Sprache macht er die inneren Konflikte seiner Protagonisten mitfühlbar, bei denen man sehr schnell vergisst, dass es sich >eigentlich< um historische Personen handelt. …

                                                 Volltext (4/2012), Alban Nikolai Herbst

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AZOREN - TRILOGIE

Madre
2007    

Sie ist schon eine Zumutung, diese portugiesische Nonne aus dem Barock. Für aufgeklärte Leser des 21. Jahrhunderts ebenso wie für ihre gläubigen Zeitgenossen zu Anfang des 18. Da liegt sie auf ihrem Totenbett, aufgequollen, stinkend vor Eiter, und unaufhörlich, wie die Litanei eines Rosenkranzes, quillt es aus ihr hervor: Herr, du mein Alles, ich dein Nichts, wir, Liebster, du und ich, „trittst zu mir hin, schließt mich in die Arme, küsst meine Lippen, ach, erst sanft, dann herrisch, ich schmecke deinen Speichel auf der Zunge ...“

Es hat sie wirklich gegeben, die Frau, der Ralph Roger Glöckler diese - man weiß nicht, ob gotteslästerlichen oder gotterfüllten - Worte in den Mund legt. Sie hieß Teresa da Anunciada, lebte auf der Azoreninsel Sao Miguel und wird dort heute noch als Wundertäterin verehrt. Die katholische Kirche allerdings hat es nicht so eilig mit der immer wieder verlangten Seligsprechung der „Madre“ Teresa. Ihre schriftliche Hinterlassenschaft, die Glöckler in Kopien einsehen durfte, ist der bisher nur zensiert zugänglich, und wenn seine Erzählung das Innenleben

dieser Frau nur entfernt widerspiegelt, dann versteht man auch, warum. Der Bewusstseinsstrom, der sich hier über 170 Seiten ergießt, macht die skandalöse Nähe von obsessiver Frömmigkeit und Sexualität handgreiflich, die ungläubige Geister schon lange hinter den verzückten Kasteiungen und Geißelungen der Frommen vermuten. … Was die Zumutung des Stoffes zu einem literarischen Ereignis macht, ist die Sprache dieser Erzählung. Sie ist inständig, obsessiv, ein einziges fiebriges Gestammel. Die Gedanken überstürzen sich, brechen auseinander und werden neu zusammengesetzt in punktlosen Sätzen, die versuchen, Irdisches und Göttliches zusammen zu zwingen. …

                                               Hessischer Rundfunk, 2008, Ruth Fühner

Vulkanische Reise. Eine Azoren-Saga
(Pt.)1996/ (Dt.)1997/ (Pt.)2007/ (Dt.)2008

Ein faszinierendes Buch … der visionäre, poetische Geist schwebt über der Erzählung, der Atem des Numinosen, der die Natur belebt und sich in diesem Text enthüllt.

Die Reise benutzt den Vulkan als Vorwand, eine Erdbebenkrise, das Beben der Seele, auch das Beben der Weltenseele, und hat mit Moby Dick und den Briefen von Plinius, dem Jüngeren, berufene Zeugen. Dann die Vertiefung in die Erinnerung an den Vulkan, in die Seele der Menschen, ins Innere der Erde.

Kurioserweise sind es ausländische Autoren, der Italiener Tabucchi, der Deutsche Ralph Roger Glöckler, die nach den Azoren suchen und das Mythische dieser Inseln in ihren Erzählungen beschreiben.

                                           Público, Lissabon, 1997, Linda Santos Costa

Man kann hier die Beziehung des Menschen zum Kosmos in allen Einzelheiten studieren.

                                   Expresso, Lissabon, 1997, José Guardado Moreira

Für Azorenfreunde ein Muss, für alle, die noch nie von den Azoren gehört haben, eine Lesefreude.

                                                      ReadMe, 1997, Anne von Blomberg

… Glöckler hat auf Faial Lavafelder durchstreift und in ihnen Spuren neuen Lebens entdeckt. Er ist den Insulanern bis New Bedford, Massachusetts, gefolgt und hat Naturwissenschaftliches und Historisches mit seinen eigenen Empfindungen verknüpft. …

                                         Frankfurter Rundschau, 1997, Susanne Broos

… Glöckler bereiste Faial in den 1990iger-Jahren während einer >crise sísmica<, im Gepäck Herman Melvilles >Moby Dick< und die >Briefe< von Plinius dem Jüngeren, die ersten, schriftlich überlieferten Berichte über einen Vulkanausbruch (dem des Vesuvs im Jahre 79n.Chr.). >Ich wollte wissen, wie es ist<, schreibt Glöckler, und wie es begann, damals am 27. September 1957, bei den ersten Erdstößen, als das Meer westlich des Leuchtturms von Capelinhos zu brodeln anfing und die Bevölkerung aufschreckte. …

                                     Die Berliner Literaturkritik, 2008, Monika Thees

Corvo. Eine Azoren-Utopie
(Pt.) 2001/ (Dt.) 2005

Dieser >Utopie einer Gemeinschaft<, die sich in der Kargheit der Azoreninsel Corvo entwickeln und in deren Abgeschiedenheit lange halten konnte, geht der Autor in seinem schmalen Band nach.

… >Corvo. Eine Azoren-Utopie< entspringt der Obsession eines Nomaden<, schreibt der portugiesische Literaturwissenschaftler José Nobre da Silveira im Nachwort. Das Buch sei eine >dreifache Reise< zwischen Chronik, Zeugnis und Fiktion, >in der erstarrten Realzeit einer Insel, die im Meer vergessen wurde<.

   Ralph Roger Glöckler bringt sie literarisch zurück aus dem >verhangenen Ozean< und seiner >melancholischen Monotonie< - in einer wenig erregten Sprache, die offen bleibt für die Erfahrung.                                      

                                                            Mare, 2006, Roland Brockmann

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Das Gesicht ablegen
2001

Die Gedichtsammlung >Das Gesicht ablegen< ist eine Liebeserklärung an die karge Schönheit des ländlichen Portugal und zugleich die Erinnerung an eine Liebe, die vergangen ist.

                                         Frankfurter Rundschau, 2001, Susanne Broos

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Die kalte Stadt
1987

Eigentlich wird gar keine Geschichte erzählt in Ralph Roger Glöcklers Erzählung >die kalte Stadt<, sondern eine Vorgeschichte. Denn dort, wo gemeinhin Geschichten beginnen, hört diese Erzählung auf. Es geht um das Zusammentreffen zweier Männer in einem Café, den Anfang einer Liebesbeziehung zwischen ihnen. … Da haben wir zunächst die Protagonisten der Erzählung, den Bankkaufmann Günther Neuberger und den Verkäufer in einer Boutique, Friedrich Brendel. Deren Biographien werden geschildert und kommentiert von Albert Körner, einem Elektroingenieur, der immer wieder auf seine Rolle als >Erzähler< verweist. Ihm kritisch zur Seite steht der fast zwanzig Jahre jüngere >Autor< - nicht zu verwechseln mit dem Verfasser des Textes. … Das fein konstruierte Parallelogramm der textinternen Kommunikation gibt dem Verfasser Glöckler immer wieder die Möglichkeit, sich ironisch von dem Gesagten zu distanzieren. Die Folge: selbst dramatische Ereignisse wirken kalt in die Ferne gerückt. … Unterbrochen wird diese Kühle immer wieder durch die Ironie des >Erzählers<.

                                                               Die Welt, 1987, Fritz W. Haver

Vor allem dank einer distanzierten, kühlen Schreibweise ist es Glöckler gelungen, die zahlreichen Augenblicke von Trennungen zu beschreiben, die nicht selten jähen Einblick in die eigene Person gewähren.

                                                       Die Zeit, 1987, Alain Claude Sulzer

Dieses Buch ist kein herkömmlicher schwuler Roman, eher eine Studie von psychischen Verhaltensweisen und Entwicklungen. Und so sachlich wie eine Studie, aber dennoch fesselnd, wird über die Personen des Buches berichtet: aus der Warte eines über den Dingen schwebenden, kommentierenden Beobachters. Dieser Beobachter, der immer wieder seine neutrale Haltung betont, reflektiert in Einschüben immer wieder über das eben Berichtete und tut dem Leser damit seine Meinung und Deutung kund. Dadurch bleibt auch der Leser distanziert vom Geschehen, nimmt aber gleichsam als zweiter neutraler Beobachter, als überwachender Arzt gewissermaßen, an den Gedanken der Handelnden wie des Erzählers teil und ist aufgefordert, diese Gedankenentwicklungen selbst zu hinterfragen.

                                                             Nummer-Bücher-Journal 87, (lf)

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Portugal für Kenner
1980/ (Verliebt in Portugal, 1989)

Das Buch ist eine Lektüre für gereifte Fernwehkranke, die das Land der Fischer und Bauern, das da als Europas Sonnenbalkon in den Atlantik hinausragt, mit der Seele suchen … Es ist fast ein Roman. Eine Begegnung mit Menschen, die ihr Leben auf einem anderen Stern leben. In einer anderen Welt, verbunden, wie in einem fremden, heidnischen Kult, der Erde und dem Meer. Der Autor, ein Dichter, legt Wurzeln bloß, er stimmt Saiten an, die erschüttern. Man schämt sich fast, kommt sich klein und töricht vor: An all dem ist man, damals, auf Urlaub in Portugal, blind vorübergegangen … Man liest, ergötzt sich an den traumschönen Fotos, blättert, begreift – und träumt: Man wird wiederkommen, sehenden Auges diesmal … ein Reisebuch, wie’s sein soll: Es lehrt reisen. Es legt Fährten vor, denen man folgen müsste.

                                                                              Kurier, Wien, 1980